In eigener Sache: Was mich ärgert

In eigener Sache: Was mich ärgert
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Professioneller Content begeistert. Er braucht Kompetenz, Zeit und Geld. Das scheint nicht klar zu sein. Vielen Bewerbern nicht. Und manchen Firmen auch nicht. Ein Appell.

Ich ärgere mich. Ich ärgere mich darüber, dass alle Welt erklärt, wie wichtig Content ist, wie unverzichtbar und überlebensnotwendig für moderne Unternehmen. Und gleichzeitig wird Content so gering geschätzt wie ein Popel.

Heute erreicht mich eine Bewerbung. Darüber freue ich mich, denn wir suchen bestens ausgebildete Online-Redakteure und Content Marketer.

Unsere Stellenausschreibung ist eindeutig: Die Bewerber sollen bitte eine journalistische Ausbildung haben und schon einige Jahre als Online-Redakteur oder Online-Marketer gearbeitet haben. Sie sollten wissen, was Storytelling ist, SEO-Erfahrung mitbringen, Content Management Systeme kennen, mit Photoshop umgehen, und, und, und.

Und dann lese ich die Bewerbung eines Webdesigners. Zugegeben, er kann mit Photoshop umgehen. Und das wahrscheinlich richtig gut. Er kann Websites bauen und für eine gute Usability sorgen – Applaus, Applaus! Das ist alles wunderbar.

Nur eines hat er nicht: Erfahrung mit Content. Kein Volontariat, keine Mitarbeit in einer Redaktion – nichts. Bei uns möchte er nicht nur Content Marketer werden, sondern Senior Content Marketer.

Content-Kings fallen NICHT vom Himmel – und auch NICHT aus der Schülerzeitung

Das ist kein Einzelfall. Menschen fühlen sich befähigt, weil sie mal bei einer Schülerzeitung mitgearbeitet haben. Oder Germanistik studiert. Oder bei der Lokalzeitung ein paar Monate mitgearbeitet. Sie sind Social Media Experten, weil sie diese Plattformen selber nutzen. Und das jeden Tag! Sie sind Content-Experten, weil sie ihre Magisterarbeit geschrieben haben – mit 120 Seiten. Ja irre.

Manche haben lange, lange in Print-Redaktionen gearbeitet. Sind das die Profis? Immerhin sind sie meist gut ausgebildet. Im Gespräch höre ich dann sowas: „SEO ist doch scheiße“ und „Ist SEO nicht das mit den Keywords?“, „Storytelling, äähhh…“.

Leute, so geht das nicht. Ich will solche Bewerbungen nicht haben, nicht lesen und keine Zeit damit verschwenden. Ich will mit Profis arbeiten.

NEIN zu Billigheimern: Content kostet Zeit und Geld

Erschreckend ist, dass diese Bewerber irgendwo einen Job bekommen werden. Und dann schreiben. Sie setzen Wort an Wort und Satz an Satz. Das ist nicht schwer. Aber eine zielgruppengerechte, relevante, sichtbare, wunderbare Geschichte zu schreiben – eingebettet in eine Strategie, die mit den Unternehmenszielen korreliert – das ist etwas ganz anderes. Das ist anspruchsvoll. Das kostet Zeit. Das kostet Geld.

Ist es aber bei dieser Entwicklung ein Wunder, dass Unternehmen Content so gering schätzen und nicht dafür bezahlen?

„20 Euro für einen Ratgeber – bitte SEO-optimiert – das muss doch reichen. Oder brauchen Sie etwa länger als eine halbe Stunde?“ Ja, stellen Sie sich vor, wir brauchen länger. Und das ist gut so. Professioneller Content kann Zielgruppen bewegen, Brands aufwerten, Technisches sichtbar machen, Bewerber rekrutieren, überraschen, begeistern, berühren. Guter Content ist die Basis jeden Verständnisses. Das sollte es jedem wert sein – Bewerbern genauso, wie so manchem Unternehmen.

Ein paar versöhnliche Worte zum Schluss: Natürlich gibt es viele Unternehmen, die wissen, was Content wert ist und entsprechend handeln. Da wird die Zusammenarbeit zum Vergnügen. Und natürlich gibt es die Experten, die kreativen Content Marketer und gut ausgebildeten Online-Redakteure. Einige von Ihnen sind zum Glück bei uns.

Bildquelle: © Ryan McGuire, pexels

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10 Gedanken zu „In eigener Sache: Was mich ärgert

  1. …dieses Content-Format nennt man übrigens Rant. 😉

    Kompliment Petra Meyer, der Beitrag kommuniziert wahre Liebe zu qualitativ hochwertigen Inhalten. Es war mir eine Freude, diese sympathische Tirade lesen zu dürfen. Ich kann in jedem einzelnen Punkt nur zustimmen.

    Voll auf die Zwölf! – Besten Dank dafür!

    Herzliche Grüße vom Rand des Ruhrgebiets

    Marc Ostermann

    1. Hallo Marc,

      vielen Dank für das Kompliment, darüber freue ich mich. Voll auf die Zwölf trifft es auf den Punkt – an dem Tag war ich richtig sauer. Deshalb musste das mal raus. Bin aber schon wieder ganz ruhig.

      Herzliche Grüße
      Petra

  2. Das Webdesigner Profil kannst du mir aber gerne weiterleiten. Such ich . Und ich verspreche auch der muss/darf nie Artikel, Reportagen oder ähnliches schreiben.

    1. Hallo Michael,

      eine gute Idee, allerdings geht das momentan nicht. Wir finden das Profil auch sehr spannend und haben zum Gespräch geladen. Dann geht es allerdings um Webdesign, nicht um Redaktion. Wir freuen uns schon auf die persönliche Begegnung.

      Herzliche Grüße
      Petra

  3. Liebe Frau Meyer,

    zuerst versuche ich es mal versöhnlich: Sie haben mein vollstes Verständnis, wenn es um Preis-/Leistung geht. Absolut richtig, absolut korrekt. Gute Arbeit sollte man auch gut bezahlen. Das steht außer Frage.

    Jetzt gehe ich aber etwas in den kritischen Part über: Die Art und Weise sich über einen jungen Menschen öffentlich (!) zu beschweren (und ja, der junge Mann weiß ganz genau, dass Sie ihn meinen) ist absolut niederträchtig und mies. Es bewerben sich Menschen in Ihrer Firma und Sie ziehen solch eine Aktion ab? Das ist einfach nur falsch.

    Selbstverständlich wird Ihnen dieser Beitrag etwas Publicity einbringen. Und sicherlich werden Sie den ein oder anderen Backlink daraus fischen können. Klar, Sie sind ja nicht doof und wissen genau, was Sie hier tun. Im Zuge einer professionellen Arbeit wird Ihnen dieser Beitrag jedoch langfristig schaden.

    Ich erkläre Ihnen auch warum: ich persönlich arbeite im Content-Marketing seit über 6 Jahren für einen sehr großen Pharma-Konzern. Ihre Agentur steht immer wieder auf unserer Liste. Wir sind durchaus gewillt richtig (!) gutes Geld für gute Arbeit zu bezahlen. Wir wollen jedoch auch mit MENSCHEN zusammenarbeiten. In unserem Fall werde ich Ihre Agentur definitiv von der Liste streichen.

    Viele Grüße,
    J. Stark

    1. Hallo J. Stark,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich freue mich sehr darüber, dass Sie für einen Menschen so Partei ergreifen. Es geht mir ganz und gar nicht darum, jemanden zu diffamieren oder an den Pranger zu stellen. Jede Bewerbung wird von uns ernst genommen und respektvoll behandelt.

      In diesem Fall haben wir die Bewerberin/den Bewerber zu einem Gespräch eingeladen. Allerdings möchte ich mit ihm/ihr über Webdesign sprechen, nicht über Content. Wenn es passt, bieten wir eine Stelle an.

      Es geht mir um ein Thema, von dem ich weiß, dass es viele ärgert. Mich auch. Ich bin ein Mensch. Und als solcher habe ich Emotionen. In diesem Fall war es Ärger. Vielleicht war ich politisch nicht korrekt genug.

      Dennoch. Der Job eines Online-Redakteurs oder einen Content-Marketers bedarf einschlägiger Erfahrung. Es braucht Talent, eine gute Ausbildung oder eine ähnliche Qualifikation und die praktische Arbeit in einem passenden Umfeld. So geht es Maurermeistern, die Maurer suchen, Controllern, die Buchhalter suchen oder Inhabern von Friseurgeschäften, die Friseure suchen.

      Für mich ist das Schreiben ein Handwerk, das gelernt werden muss. Die Arbeit als Online Redakteur oder Content-Marketer ist anspruchsvoll und geht weit über das Schreiben hinaus. Wer die Arbeit beherrscht, liefert eine Dienstleistung, die einen entsprechenden Wert hat.

      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass dieses Berufsbild noch zu wenig wertgeschätzt wird. Das beginnt bei den Bewerbungen und hört beim Verkauf auf.

      Wir freuen uns übrigens immer über Bewerber mit wenig Erfahrung, denen wir bei Eignung ein Volontariat anbieten.

      Herzliche Grüße
      Petra Meyer

  4. Hallo Frau Meyer,

    ich stimme mit Ihnen überein, dass Content wertgeschätzt werden soll und muss. Dass dies Zeit und Geld und gute Leute braucht. Die Tatsache, dass die Entwicklung von Social Media Strategien und Contentplänen nicht so sehr wertgeschätzt werden, liegt aber meiner Meinung nach an den Unternehmen und der Branche.
    An der Misere sind aber nicht junge, unerfahrene Akademiker Schuld, die sich relativ naiv auf eine Stelle bewerben.
    Wenn man sich mal in deren Lage versetzt: Die bewerben sich auf so manche Stellenausschreibung, von der sie nur vermuten können, dass sie dafür geeignet sind. Wie soll ein junger Akademiker wissen, was alles dazu gehört, wenn selbst die Branche die Arbeit hinter den Kulissen nicht so wertschätzt wie Sie sollte. Oftmals fehlt nicht allein das Wissen bei den Bewerbern, sondern auch bei dem Entscheidern in den Unternehmen selbst.
    Wenn Unternehmen selbst glauben, bei diesem „content“ handle es sich um eine Art Magic Button, wie sollen sie dann das Bewusstsein für die nächste Generation schaffen bzw sie darin ausbilden?
    In manchen Unternehmen heißt Social Media Strategie nichts weiter, als einmal pro Tag irgendwas auf Facebook zu posten. Wenn Unternehmen so jemanden suchen, dann bin ich gern die erste, die sich dort bewirbt.
    Online Redakteure brauchen eine gute Ausbildung und praktische Erfahrungen. Die bekommen Sie aber nur, wenn Arbeitgeber, die sich in diesem Bereich wirklich auskennen (und die es leider nicht wie Sand am Meer gibt), auch gewillt sind, Jung-Redakteure aus-/fortzubilden. Aber da scheitert es ja oft leider schon an der Wertschätzung.

    1. Hallo siri,

      ich bin vollkommen Ihrer Meinung, danke für Ihren Kommentar.

      Häufig erlebe ich Bewerber in den Gesprächen, die ein abgeschlossenes Volontariat vorweisen können. Auf Nachfrage, was sie denn in dieser Zeit gelernt haben, kommt manchmal nur ein Schulterzucken. Noch viel zu oft sind Volontäre außerhalb der klassischen Verlage nichts anderes als billige Arbeitkräfte. Es fehlt die Betreuung und ein strukturierter Plan, welche Inhalte theoretisch und praktisch vermittelt werden sollen. Und das liegt definitiv an den Unternehmen. Eine gute Ausbildung macht Mühe. Sie kostet Zeit und Geld.

      Momentan gibt es keine einheitlichen Stellenbeschreibungen und keine klaren Ausbildungsrichtlinien für Online-Redakteure und schon gar nicht für Content-Marketer. Gerade beim Thema Content-Marketing scheint mir das auch noch zu früh zu sein – so lange auf den einschlägigen Konferenzen diskutiert wird, was Content Marketing überhaupt ist. So kocht jeder sein eigenes Süppchen und die Qualität bleibt auf der Strecke.

      Das sollten wir dringend ändern.

      Herzliche Grüße
      Petra Meyer

  5. Hier wird über ein Berufsfeld gesprochen, dass erst im Entstehen ist und für das es keinen etablierten Ausbildungsweg gibt. So etwas ist nicht ungewöhnlich – bei der Dynamik der Branche wird so etwas bald eher die Regel als die Ausnahme sein. Es gibt eine gewisse Tendenz bei manchen Personal-Abteilungen, das man von Neueinsteigern immer mehr erwartet – viele Agentur-Geschäftsführer haben mir versichert, dass sie heute als Neuling in ihrer eigenen Agentur keine Chance hätten, da sie damals keinen glatten Lebenslauf, gute Noten oder Hochschulabschlüsse hatten. Werbung war schon immer ein Berufsfeld für Quereinsteiger. Umso wichtiger ist es, kontinuierlich die eigenen Mitarbeiter weiterzubilden und sie dabei zu unterstützen, ihre Kompetenz und Erfahrung über den Tellerrand des derzeitigen Jobs hinaus zu erweitern.

    1. Hallo Herr Engel,

      ganz genau. Je besser die eigenen Mitarbeiter aus- und fortgebildet sind, desto eher wird sich das erworbene Wissen in der Branche verteilen. Für mich ist es nicht nur spannend, über die Neueinsteiger zu sprechen. Ich denke zum Beispiel an die Printler, die live erleben, wie sich ihre Verlage verändern. Die erleben, wie sich ihr Arbeitsalltag verändert, weil digitale Denk- und Arbeitsweisen Einzug halten. Die einen mögen es, andere haben Angst, manche reagieren mit Arroganz. Wie können wir diese Menschen begeistern und mitnehmen? In meinen Gesprächen erlebe ich immer wieder offene Ablehnung zum Beispiel SEO gegenüber – für mich eine ganz selbstverständliche Sichtweise, dass alle Inhalte für Suchmaschinen optimiert sein sollten. Oder auch Ablehnung gegenüber Facebook: „Das bediene ich nicht, das ist kein Journalismus.“ Ich weiß manchmal nicht, was ich dazu sagen soll. Ich weiß nur, dass diese Sichtweise eine Sackgasse ist.

      Herzliche Grüße
      Petra Meyer

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